Zuwanderer
Immer wenn in einem Artikel die Rede von einheimischen Stauden und Gehölzen ist, die den bösen Zuwanderern jedenfalls vorzuziehen sind, gehe ich im Geist meine Pflanzenliste durch und seufze. Mein Garten ist durch und durch multi-kulti.
Die erste Schwierigkeit besteht darin, „einheimisch“ zu definieren. Kirschbäume waren ursprünglich in Kleinasien beheimatet und sind erst seit dem 16. Jahrhundert bei uns verbreitet. Sind sie also immer noch Zuagraste oder gelten sie schon als Eingeborene? Herbstastern, die Bauerngartenstauden schlechthin, sind in Nordamerika beheimatet und erst im 17. Jahrhundert zu uns gekommen. Chrysanthemen, die schon meine Oma liebte, stammen aus Asien, meine bewunderten Schmucklilien aus Afrika, Salbei und Lavendel aus dem Mittelmeerraum und mein Kerzenknöterich stammt aus dem Himalaya… Kalifornischer Mohn und japanische Herbstanemonen, wo werden die wohl herkommen? Noch nicht einmal die insektenfreundlichen und für die Hummelköniginnen im Frühling so wichtigen und empfohlenen Wildtulpen wachsen wild in unseren Breiten. Denkt man länger darüber nach, hätten wir weder Kartoffeln noch Tomaten oder Paprika im Küchengarten, von Zucchini, Melanzani und Kürbis ganz zu schweigen.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir bisher beim Pflanzenkauf kaum Gedanken über deren Herkunft gemacht. Meine Kriterien sind Wuchs, Blühzeit, Bodenansprüche, Wasserbedarf, Insektenfreundlichkeit und Resistenz gegen Schnecken und Krankheiten. Vor allem der Wasserbedarf wird mir immer wichtiger, steht in einer Beschreibung etwas von „frischer Boden“ oder „feuchtigkeitsliebend“, lasse ich sofort die Finger von dem kleinen Säufer. Ich habe schon genug mit meinen Phloxen, Hortensien, Farnen, dem Gemüsebeet und den vielen Töpfen zu tun, noch mehr durstige Lieblinge schaffe ich mir nicht an. Damit wird es mit dem Anspruch auf Heimisches jedoch schwierig. Denn sieht man sich Pflanzvorschläge für trockenverträgliche Beete an, findet man meist mediterrane oder Präriestauden. Gewiss, es gibt einige Wildpflanzen auf unseren Wiesen, die eine Menge Hitze und Trockenheit vertragen können, aber Wildpflanzen blühen oft nur kurz und werden dann unscheinbar oder unansehnlich. Auf artenreichen Magerwiesen fällt das nicht weiter auf, in meinem Garten schon. Bestenfalls kann ich sie in die Blumenwiese oder vereinzelt in die Beete einstreuen. Meinen Naturgarten jedoch nur auf Arten zu beschränken, die schon seit der letzten Eiszeit bei uns gewachsen sind, würde mich zu sehr einengen.
Freilich gibt es Migranten, die sich schlecht benehmen, das Indische Springkraut oder der Japanische Staudenknöterich etwa, die unserer Natur arg zusetzen und sich wie die Borg im Startrek-Universum („Widerstand ist zwecklos“) aufführen. Auch Schmetterlingsflieder und Kanadische Goldruten haben den Ruf gefährlicher invasiver Pflanzen, doch ich dulde beides im Garten. Sie sind bei mir wild aufgegangen (somit tatsächlich invasiv, aber die Quecke hab ich auch nicht eingeladen), die Buddleia im Kräuterbeet und die Solidago hinter dem Haus. Sie blühen prächtig und solange sie keine Anstalten machen, den Garten zu übernehmen, dürfen sie bleiben. Allerdings stehen sie bei mir unter Dauerbeobachtung und das Schnittgut darf nicht auf den Kompost.
Meine momentane Lieblingspflanze, die ich jedem ans Herz legen möchte, ist die Wüstenmalve Sphaeralcea ambigua „Childerley“. Sie blüht den ganzen Sommer durch in einem ganz zauberhaften Apricot, ist bei den Insekten ein Renner und braucht an Pflege lediglich einen Rückschnitt im Frühjahr. Mit ihren kleinen zarten Blüten fügt sie sich in jedes Ensemble perfekt ein. Ja, sie kommt aus Mexiko, ist aber ein Musterbeispiel für gelungene Integration. Den Bienen und Schwebfliegen ist es völlig egal, ob sie sich aus heimischen (wilde Malven kommen und gehen in meinen Beeten und ich lasse sie meist gewähren) oder ausländischen Nektartöpfen bedienen. Ich sehe keinen Nachteil darin, diese Pflanze in meinem Garten zu haben. Sie hindert mich aber auch nicht daran, Freude mit meinen heimischen Wildpflanzen zu haben. Steinsame, Teufelsabbiss und Rainfarn sollen sich im Feuerdornbeet nach Herzenslust vermehren (was besonders der Rainfarn tun wird, wie ich erst nach dem Kauf nachgelesen habe… oh, oh!). Zum heimischen gelben Rainfarn wird die ebenfalls gelbe Weinraute aus dem Mittelmeerraum als Nachbarin gut passen, das gefiederte Laub der beiden, in sattem Grün und kühlem Blaugrün, stelle ich mir zusammen recht attraktiv vor. Insektenmagneten sind sie beide. Und irgendwann werde ich mir den Klimawandel zunutze machen und für mein Fernweh einen Olivenbaum auf die Terrasse stellen.
Im Pflanzenreich ist es für mich wie in der Menschenwelt: Zuwanderer sind weder generell gut noch schlecht, sie prinzipiell zu verdammen, ist engstirnig. Die meisten sind liebenswert und willkommen, manche gebärden sich tollkühn und werden bekämpft und verbannt. Es ist beides wichtig: Auf Einheimisches nicht zu vergessen und es zu pflegen und Fremdem mit aller Offenheit zu begegnen. Toleranz fängt schon im Garten an.
Eure Flora