Dauerfrost
Seit wann ist es jetzt eigentlich so kalt? Haben die Nachtfröste zu Weihnachten begonnen? Gefühlt benötige ich schon wochenlang eine Extraschicht, wenn ich vor die Tür gehe. Manche in unserem Bekanntenkreis jammern über die anhaltende Kälte, doch mein Mann und ich fühlen uns in diesem Winter körperlich wohler als in den letzten Jahren. Laue Wintertemperaturen machen uns eher schlapp als dass wir uns darüber freuen. Die dicken Winterpullover kommen endlich wieder zu Ehren, ich habe sogar für längere Spaziergänge die Schiunterwäsche aus dem Keller geholt. Man ist die Eiseskälte ja nicht mehr gewohnt und dadurch empfindlicher.
Auch meinem Gemüt tun die niedrigen Temperaturen gut. Klimawandel hin oder her, zumindest derzeit kann ich mir sagen, dass in der Natur alles in Ordnung ist. Schneereste hellen das trübe Wintergraubraun und damit meine Stimmung auf. Ich werde nicht müde, Atemwolken in die kalte Luft zu hauchen und hinterherzusehen. Ich freue mich sogar über vereiste Stellen auf Gehsteig und Straße, erinnern sie mich doch an meine Kindheit, als die Schneeräumung noch nicht perfekt sein musste und meine Großeltern nur mit angeschnallten „Spikes“ auf ihren Winterstiefeln das Haus verließen. Ich bin halt eine hoffnungslose Nostalgikerin. Meine Kinder würden es wohl anders ausdrücken.
Im Garten, denke ich, haben die Minustemperaturen durchwegs positive Auswirkungen. Die verfrorenen Schätzchen stehen ohnehin im Haus und die anderen haben endlich einmal die Bedingungen, die seit Jahrhunderten in ihren Genen abgespeichert sind. Keine verwirrten Primeln, die schon im Jänner blühen, keine aus dem Winterschlaf gerissenen Sträucher und Bäume, die viel zu früh Knospen ansetzen (und dann prompt abfrieren, wenn es im März doch noch ein, zwei Tage eisig wird). Gelsenlarven und Schneckeneier werden hoffentlich dezimiert, was einen vergnüglichen Sommer 2026 verspricht. Und die Kaltkeimer (Kalt oder nicht kalt) bekommen die nötigen Anreize, um im Frühjahr durchzustarten. Dafür ziehe ich mir gern die gefütterten Handschuhe und eine warme Strumpfhose an.
Natürlich mache ich mir ein paar Gedanken, weil ich nach den Erfahrungen der letzten Jahre den Winterschutz für meine Stauden außer Acht gelassen habe. Bisher habe ich Hortensien, Fackellilien und Bartblume im Herbst dick mit Laub eingepackt, heuer befand ich diese Maßnahmen zum ersten Mal für unnötig. Na ja, jetzt heißt es abwarten, ob das ein Fehler war. So eingewachsen, wie die Pflanzen sind, müssten sie die paar Grade unter Null eigentlich wegstecken. Nur die winterharten Agapanthen, die schon letzten Sommer nur zögerlich ausgetrieben haben und mickrig geblieben sind, von Blüten keine Rede, bereiten mir ein wenig Sorge. Die hätte ich doch abdecken sollen, nun müssen sie zeigen, wie winterhart sie wirklich sind.
Die Tierwelt hat in meinem Garten genügend warme Plätzchen, wohin sie sich zurückziehen kann. Komposthaufen, Igelhaus, liegengebliebenes Laub und ungeschnittene Horste laden Insekten und Amphibien zum Kuscheln ein. Nicht zu vergessen die strohgefütterten Pudelhauben für Ohrwürmer & Co (Stricken für die Mücken)! Die Vögel finden vielleicht doch einmal Gefallen an Hagebutten, Mahonie und Cotoneasterbeeren, wenn sie zum Aufwärmen mehr Energie als sonst brauchen.
Mit einem Wort, der heurige Winter ist ganz nach meinem Geschmack. Und wenn in den nächsten Wochen das Thermometer langsam in den Plusbereich klettert und sich bei uns der Vorfrühling ankündigt, fahre ich mit meinem Mann nach Island. Die Schiunterwäsche nehmen wir mit.
Eure Flora
Liebe Flora,
falls ich je Stiefel finde, bei denen mir von oben herab die Zehen nicht einfrieren, unterschreibe ich Deinen Artikel sofort!
Herzliche Grüße
Silva