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Pflanzenblindheit

Gestern fragte mich mein Mann etwas Komisches: „Kennst du wirklich alles, was im Garten wächst?“ Auf mein verblüfftes „Ja?“ konkretisierte er: „Ich meine alles beim Namen?“ Natürlich kenne ich alles beim Namen, Vor- und Familiennamen, Spitznamen und die meisten auch botanisch. Für Christian kommt das einem Weltwunder gleich, er kann sich nicht einmal die deutschen Namen merken. Wenn ich ganz unbedacht zu ihm sage „Schau einmal, wie schön die Fackellilien heuer ansetzen!“, macht er eine vage Kopfdrehung und nuschelt ein unbestimmtes „Hmm“. Er hat keine Ahnung, wovon ich rede. Rosen kennt er, und Tulpen. Und den Marillenbaum.

Den Begriff der Pflanzenblindheit gibt es tatsächlich, er wurde 1999 als plant blindness in einem Aufsatz von zwei Botanikern und Biologielehrern geprägt. In einem Experiment wurde nachgewiesen, dass Menschen Pflanzen im Vergleich zu Tieren wesentlich schlechter wahrnehmen bzw. sich deren Namen merken können. Das liegt einerseits in der menschlichen Natur (Tiere bedeuten Jagdbeute oder Gefahr), andererseits ist es auch eine Kulturfrage. Bei indigenen Völkern, bei denen Pflanzen in der Religion, Medizin oder Mythologie eine große Rolle spielen, ist die Pflanzenblindheit wesentlich geringer als etwa beim modernen Stadtmenschen, in dessen Alltag Pflanzen wenig vorkommen.

Kaum jemand findet es tragisch, aber diese Tatsache ist nicht so harmlos, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn der Mensch schützt meist nur, was er kennt. Wenn die Königstiger in Indien vom Aussterben bedroht sind, fühlt die gesamte Weltbevölkerung mit, Schutzprogramme werden ins Leben gerufen und Spendenaufrufe finden vielfaches Gehör. Wenn die Ozeane, also Flipper & Willy, von Mikroplastik bedroht sind, spricht alle Welt darüber, obwohl das Mikroplastik im Boden ein Vielfaches davon beträgt. Wenn die Becherglocke, eine heimische Wiesenpflanze, aus Österreich verschwindet, weint ihr keiner eine Träne nach, denn es weiß eh keiner, wie sie ausschaut. Ein ähnliches Schicksal erleiden Würmer, Wirbellose und Insekten, deren Namen keiner kennt. Am besten sind noch Schmetterlinge und Bienen dran, die viel mediale Unterstützung bekommen und deren Probleme daher von der breiten Masse wahrgenommen werden. Die vielen Insektenhotels, die selbst in Kirschlorbeer-Rasen-Swimmingpool-Gärten hängen, sind ein sichtbares Zeichen dafür.

Aber zurück zu den Pflanzen. Ich erinnere mich noch gut an meinen Biologieunterricht, an eine liebenswürdige Dame, die geduldig mit uns Pflanzen bestimmt hat. Blütenformen, Staubgefäße, Narbe und Stempel, alles wurde unter der Lupe untersucht und erforscht. Schon vorher, in der Volksschule, war es üblich, der Frau Lehrerin vom Sonntagsausflug selbst gepflückte Blumen mitzubringen und von ihr die Namen zu erfahren. Und sie wusste sie alle. So habe ich Schlüsselblumen und Margeriten, Kornblumen und Zyklamen kennengelernt. Ich glaube nicht, dass meine Kinder diese Worte in der Schule je gehört haben, mittlerweile steht Anderes, angeblich Wichtigeres auf dem Lehrplan. Schade, auch wenn sich die Bildungsanforderungen der heutigen Zeit sicher von denen der 60er und 70er-Jahre unterscheiden, halte ich es immer noch für wesentlich, ein paar heimische Blumen und Bäume beim Namen nennen zu können. Nicht einmal einen Enzian, eine Eiche oder einen Holunder identifizieren zu können, hat nichts mit modernem Wissen zu tun, es ist einfach nur traurig. Bei meinen Kindern habe ich getan, was ich konnte, habe das Pflanzenbestimmungsbuch bei jeder Wanderung mitgeschleppt, habe ihnen jedes Pflänzchen gezeigt, erklärt – vergeblich, fürchte ich. So viel sie als Kinder wussten, so viel haben sie als Jugendliche vergessen. Schließlich ist die heimische Flora kein cooles Thema bei einer Party.

Auch im Bekannten- und Freundeskreis finde ich nur wenige Gesprächspartner, selbst jahrelange Gartenbesitzer glänzen oft mit Desinteresse und haarsträubender Unwissenheit. Staude ist, was blüht, Strauch, was man mit der Heckenschere malträtiert. „Was, das wäre nächstes Jahr wiedergekommen?“, wunderte sich eine Bekannte, die im Herbst einfach alles entsorgt und im nächsten Frühjahr komplett neue Pflanzen kauft. Eine andere Freundin war sehr enttäuscht, als ich ihr erklärte, dass ihr neu erworbener Polsterphlox nicht den ganzen Sommer durchblüht, auch wenn sie ihn zurückschneidet. „Das ist aber hübsch, wie heißt denn das?“ Glockenblume, pfirsichblättrige sage ich gar nicht mehr dazu. Zumindest gefällt allen mein Garten, auch wenn kaum jemand verstehen kann, warum ich mir so viel Arbeit damit mache.

Seit neuestem aber habe ich eine kompetente Person in meiner Umgebung, mit der ich ein wenig fachsimpeln kann. Es ist meine kleine Nachbarin, mittlerweile fünf Jahre alt. Meine Kartoffeln hat sie auf Anhieb erkannt („die Kärntner Oma hat sie auch im Garten“), Mohnblumen brauche ich ihr nicht zu zeigen und sie weiß sogar, dass die Hummeln sie gern haben. Erdhummeln haben einen weißen Popo und Steinhummeln einen roten, habe ich von ihr gelernt. Sie hat da so ein tolles Buch von der Oma. Wenn sie mich besuchen kommt, fragt sie mir Löcher in den Bauch und merkt sich auch viel. Das Lungenkraut muss man gießen, sonst verschwindet es in der Erde, erklärt sie mir beim nächsten Mal, und außerdem heißt es „Hänsel und Gretel, hast du gesagt“. Es gibt noch Hoffnung.

Eure Flora

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