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Die Wiese

Seit zwei Tagen regnet es in Wien und das ist gut für den Garten. Was heißt gut, es ist großartig! Schließlich war es bei der Dauerhitzewelle kaum möglich, mit dem Gießen nachzukommen. Am meisten leidet die Wiese (Rasen kann man die begrünte Fläche bei mir schon lange nicht mehr nennen, siehe Es war einmal… Fortsetzung), kahle Stellen breiten sich aus und wo noch etwas wächst, raschelt es beim Gehen. Also wenn ich Wiese sage, meine ich immer die große Fläche in der Mitte des Gartens, genau genommen habe ich drei Wiesenareale: das große, das zwischen Marillenbaum und meinem Liegeplatz und den breiten geschwungenen Wiesenweg vom betonierten Eingangsweg zum Bauerngarten. Nur die beiden letzteren gieße ich bei Trockenheit und versuche, sie grün und dicht zu erhalten, säe auch alle zwei Jahre nach. Im Kopf habe ich die prächtigen Rasenwege zwischen den Beeten aus den Gartenzeitschriften, vor Augen die raue Wirklichkeit. Immerhin schauen sie besser aus als das Mittelstück.

In meiner Kindheit wurde die Wiese jeden Tag gegossen, eine braune Wiese war das Unglück jeden Gärtners und eine Schande für die Familie. Auch der Klee in der Wiese war verpönt und ein Zeichen für Schlamperei und Faulheit. Meine Mutter erzählte jedem „Wir haben keinen Rasen, wir haben eine Wiese!“, um so gleich von vornherein die gärtnerischen Ziele klarzustellen und übermäßiger Kritik vorzubeugen. Nach dem Urlaub galt der erste Blick immer dem braunen Gras: „Jessas, die Wies’n schaut aus!“ und der Rasensprenger trat in Aktion. Freilich galt es abzuwägen zwischen den teuren Wassergebühren und der Farbe der Wiese. Ich kann mich noch gut an die Zaungespräche über den „Doktor“ erinnern, bei dem der Sprenger täglich stundenlang lief und der Rasen entsprechend aussah. „Der hat’s ja“, war der eindeutig neidische Tenor über den zurückgezogen lebenden Mann, von dem niemand genau wusste, was für ein Doktor er eigentlich war. Wir hatten nur ein kleines Sprengermodell, das alle zehn Minuten versetzt wurde und das „nur wenig Wasser verbraucht“. Diesen Vorteil (der Stolz meiner Mutter) habe ich nie verstanden, da ja dann auch nur wenig Wasser bei den Pflanzen ankam, aber damals war es mir noch egal.

Gedüngt wurde mit… na ja, sicher nicht organisch, umweltbewusst oder biologisch, solche Wörter kannte man damals gar nicht. Zum Leidwesen aller waren Unkrautvernichter verboten (und sind es laut Wiener Kleingartenverordnung meines Wissens nach wie vor) und damals hielten sich die meisten an die Vorschriften. War der Rasen beim Nachbarn gar zu makellos, obwohl man ihn nie auf den Knien liegen sah, setzte das empörte Gerede ein.

Obwohl wir noch ein paar Rasenfetischisten in der Anlage haben, hat das perfekte Grün als Statussymbol nachgelassen. Hitze und Trockenheit scheinen Jahr für Jahr anzusteigen und die Pflege eines Rasens wird immer teurer und aufwändiger. Das Herz, täglich stundenlang zu bewässern, haben nur mehr wenige und der Dauervorschlag der Gartenzeitschriften („nur einmal in der Woche, dafür durchdringend“) funktioniert einfach nicht bei 36°. Das Einzige, was hilft, ist ein schöner leichter Landregen. Und so sitze ich heute in der offenen Türe, lausche entspannt den Tropfen und höre das Gras wachsen.

Eure Flora

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Anonymous

    Kommentar zum Augustvideo:

    Kompliment dem Kameramann, da sieht der Sommer gar nicht sooo trocken aus – geschickt gefilmt (oder doch viel gegossen ?) ! (;-)

    Schönen Sommer
    Silva

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